Beziehungsweise – no man is an island
Laudatio von Frank Hegewald, Vorsitzender Künstlerbund Schwabach gehalten anlässlich der Ausstellung „Beziehungsweise – no man is an island“ Margit Schuler, Malerei, Zeichnung am 29. Mai 2026 in der Spitzweed-Kulturscheune Roßtal
Laudatio für Margit Schuler
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, ich konnte sehen, sie haben beim Rundgang durch diese Ausstellung alle Bilder aufmerksam betrachtet und vielleicht stellt sich lhnen nun die Frage: Was möchte mir die Künstlerin damit sagen?
Der bedeutendste deutsche Maler der Gegenwart Gerhard Richter erklärt das so: “Malen ist eine andere Form des Denkens. Das wäre genauso, wie wenn man Einstein fragt: ‘Was denken Sie sich, wenn Sie Gleichungen machen?’ Der denkt sich nichts dabei, der rechnet.”
Fragen Sie also die Künstlerin weniger - was hast Du gemalt, sondern fragen sie sich, was sehe ich. Die eigentliche Arbeit liegt also bei uns, beim Betrachter. Wie es heißt: “Kunst entsteht im Kopf des Betrachters. Der Künstler liefert dafür nur die Voraussetzung.”
Wenn wir uns ihrem Werk nähern, begegnen wir einer Kunst, die sich dem flüchtigen Zeitgeist verweigert. Margit Schuler hat einen Weg gewählt, der von seltener Konsequenz geprägt ist. Seit Jahren ist der Mensch mit all seinen Facetten und Befindlichkeiten das zentrale Thema ihrer Arbeit.
Der Titel dieser Ausstellung, bringt den Kern ihres Schaffens auf den Punkt: “Beziehungsweise - no man is an island”
Der Ausspruch stammt von dem englischen Dichter und Ceistlichen John Donne. Er schrieb ihn in seinen Meditations von 1624: “No man is an island, entire of itself.” Kein Mensch lebt völlig unabhängig von anderen.
Jeder ist Teil einer Gemeinschaft und mit anderen Menschen verbunden. John Donne betont da mit menschliche Verbundenheit, Mitgefühl und gegenseitige Verantwortung.
ln einer Welt, die zunehmend von flüchtigen digitalen Oberflächen geprägt ist, wirkt das Werk von Margit Schuler wie eine beharrliche Tiefenbohrung in das Wesen dessen, was wir als “menschlich” begreifen.
Doch sie begnügt sich nicht mit dem bloßen Abbild; ihre Kunst ist eine Untersuchung der ldentität, die dort beginnt, wo das klassische Porträt endet. Und sie zeigt uns auch die Kehrseite: die Fragilität dieser Verbindungen, die Ambivalenz zwischen Schutz und lsolation, zwischen Nähe und Distanz.
Anfangs konzentrierte sie sich auf das Gesicht als zentrales Schlachtfeld der Wahrnehmung.In der Werkgruppe “Egos” entwickelte die Künstlerin das Thema des menschlichen Antlitzes konsequent. Kein oder kaum Hintergründe. Konzentriert auf die Person. Diese Porträts sind weniser dokumentarisch als introspektiv: Sie lassen den Betrachter in eine psychologische Tiefe blicken, in der sich das Selbst offenbart, aber nie vollständig preisgibt.
Aber bald kommt der Raum hinzu: ln ihrer Werkssruppe “Transitzonen” - inspiriert von der sachlichen Atmosphäre von Flushafenlounges oder Wartesälen.
ln diesen Arbeiten thematisiert Marsit Schuler das Verhältnis des lndividuums zu seiner Umgebung: Personen besetzen oder bewegen sich in einem dezidiert begrenzten Raum. Ganz nach ihrer Philosophie “Der Mensch ist ohne Raum nicht denkbar. Der Raum formt den Menschen und der Mensch formt den Raum.”
ln ihren Arbeiten entsteht Raum nicht nur als physische Umgebung, sondern als visuelle Untersuchung der Ense und der Behauptung des Selbst innerhalb definierter Grenzen - ein Sujet, das in Zeiten globaler und privater Umbrüche eine beklemmende Aktualität besitzt.
Ihre Räume wirken wie seelische Zonen: manchmal offen, manchmal beengt, oft von einer fließenden Kargheit, die den Blick sammelt. Räume können bei ihr Schutz bieten - oder plötzlich kippen und in ein Gefühlvon Ausgesetztheit münden. Diese Ambivalenz ist das eigentliche Terrain ihrer Malerei. Zwischen Innen und Außenentsteht ein Schwebezustand, der weniger die Sichtbarkeit der Welt beschreibt als ihren seelischen Widerhall.
Und dann sind da die Figuren.
Menschen, groß im Format und zugleich erstaunlich fragil.
Sie stehen im Zentrum, wie Protagonisten eines Stücks, für das der Text fehlt - oder nie geschrieben wurde. lhre Gesichter sind keine Masken, sondern Membranen. Hinter ihnen schimmert etwas Unfertiges, Verletzliches, ein Selbst, das nicht endgültig fixiert werden kann.
Margit Schuler scheint weniger statische Szenen zu malen, sondern Momente des Wandels. Ihre “Transitzonen” sind nicht Endzustände, sondern Zwischenräume: Hier geschieht etwas, hier schwebt man im Schwebezustand von Veränderung. Es geht ihr um die Erfahrung der Zeit - nicht um narrative Ceschichten, sondern um Momentaufnahmen, in denen ldentität, Raum und Wahrnehmung in Bewegung sind.
Sie malt alltägliche Szenen - oft häusliche Momente, Porträts oder lnterieurs -, aber nie bloß dokumentarisch. lhre Bilder wirken nicht unbedingt einsam, sondern tiefgründig und beobachtend. Es geht ihr weniger um die reine äußere Realität als um die innere Befindlichkeit und die stille Kommunikation zwischen den dargestellten Personen.
Auch wenn ihre Figuren in ruhigen Momenten darsestellt sind, strahlen sie eine verborgene Wärme oder eine komplexe emotionale Verflechtung aus. Die Einsamkeit der Moderne wird hier durch die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen ersetzt oder zumindest gemildert.
ln dem Zyklus “Encounters” wird der Raum noch wichtiger. Er ist nicht nur Rahmen und Schnittstelle zwischen lnnen und Außen, sondern wird zum wesentlichen Teil der Geschichte.
Alle ihre Arbeitszyklen setzen sich mit “der Ambivalenz, der Stellung des Menschen in einem Spannungsfeld eigener Wahrnehmung und Fremdwahrnehmung” auseinander. Dieses Spannungsfeld spiegelt sich bildlich: Raum kann Schutz bedeuten, aber auch lsolation; Nähe kann Nähe sein, aber auch Distanz. lhre Gemälde sind oft mehrdeutig, laden zur Reflexion ein und fordern den Betrachterauf, seine eigene Position zu hinterfragen.
Obwohl ihre Bilder realistisch erscheinen, tragen sie eine starke erzählerische Komponente. Man könnte sagen, Schuler fängt nicht nur den Moment ein, sondern lädt den Betrachter ein, die Geschichte hinter dem Blick oder der Geste der Figur selbst zu erschließen.
lhre Farbwahl ist dezent, nicht unbedingt schrill - sie setzt auf eine zurückgenommene, aber atmosphärisch starke Palette, die die emotionale Spannung unterstreicht. Schuler nutzt reduzierte Farbpaletten und klare geometrische Formen. Das verleiht ihren Bildern eine fast “inszenierte” oder leicht künstliche Wirkung. Das Licht dient dazu, die Stimmung zu vertiefen und die Fisuren in ihre Umgebung einzubetten, anstatt sie davon abzuheben.
ln einer Zeit, in der das Bild oft schreiend laut sein muss, um wahrgenommen zu werden, wirken Schulers Arbeiten wie bewusste Gegenentwürfe. Sie verweigern den schnellen Effekt. Sie bauen sich Schicht für Schicht auf - malerisch wie gedanklich. Man muss sich hineinbewesen, ihnen Zeit geben.
Besonders deutlich wird dieser investigative Ansatz in ihrer Serie “Kings and Vagabonds” Hier verfolgt Schuler einen bemerkenswerten Weg, indem sie gängige Rollenbilder und fest§efahrene ldentitäten radikal in Frage stellt. Wer ist König, wer Vagabund - und wie viel von beidem steckt in jedem Einzelnen? Es geht um die Masken, die wir tragen, und um die sozialen Konstruktionen, hinter denen sich das lndividuum verbirgt.
Von ganz oben bis ganz unten, vom König bis zum Vagabunden, als Archetypen gedacht, präsentiert sich der §anze “Hofstaat” als menschliches Panoptikum. Im mittelalterlichen Verständnis der Welt galt das Konzept des “Wheel of Fortune”: Jeder an seinem Platz, mit dem ihm zugewiesenen Rollenverständnis, jedoch nie sicher, ob der Status bestehen bleibt, ob das Rad sich nicht doch weiterdreht.
Erstaunlicherweise - oder wie zu erwarten - hat sich seitdem bei dieser Vorstellung, ei unseren Einstellungen und Haltungen, bei den Verhaltensweisen und Rollen wenig geändert. Wir besetzen einen Platz, eine Rolle, wissen aber nicht, was die Zukunft bereithält.
Ja, das ist ein schöner Übergang zu Margit Schulers Vita
1955 in Nürnberg §eboren, hat sie einen Weg eingeschlasen, der von Beständigkeit, Konsequenz und künstlerischer Leidenschaft geprägt ist. Sie begann schon in der Schule Menschen zu zeichnen. Lies sich im Verlauf ihres künstlerischen Werdegangs nicht formen und biegen in einer Kunstakademie, sondern ging ihren eigenen Weg.
Seit 1998 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin, seit 2007 in ihrem markanten Atelier im Alten Gymnasium in Windsbach - direkt gegenüber dem Windsbacher Knabenchor, ein Ort, der für Konzentration und künstlerische Exzellenz steht.
Ihr Schaffen umfasst Malerei, Zeichnung und Graphik. ln ihren Malereien und Zeichnungen widmet sie sich seit Jahren dem Menschen mit all seinen Facetten und Befindlichkeiten - mit einem Blick, der zugleich einfühlsam und präzise ist. Es ist diese Hingabe an das Menschliche, diese Bereitschaft, den anderen wirklich zu sehen, die ihre Werke so unverwechselbar macht.
Ihr Ausstellungsverzeichnis ist beeindruckend und zeigt die Breite ihrer Wirkung: von Einzelausstellun§en im Kunsthaus Reitbahn in Ansbach über kirchliche Räume bis hin zu renommierten Galerien und Museen in der Region. lhre Werke wurden unter anderem vom Kunstmuseum Erlangen, der VR Bank und der Stadt Bayreuth für öffentliche Sammlungen angekauft - eine Anerkennung, die zeigt, dass ihr Schaffen weit über den regionalen Rahmen hinaus gewürdigt wird.
Besonders hervorzuheben sind ihre Auszeichnungen: 2003 wurde ihr der Ansbacher Kunstpreis verliehen, und es folgten 2012 der Energent-Kunstpreis Bayreuth. 2022 Kunstpreis Kammerstein, 2024 Kunst&Genuss Preis Landkreis Forchheim.
Diese Preise sind Belege dafür, dass die Fachwelt ihre künstlerische Sprache schätzt und ihr Werk als bedeutsamen Beitrag zur zeitsenössischen Kunst betrachtet.
Margit Schuler ist keine Künstlerin, die sich in den Elfenbeinturm Atelier zurückzieht. Als Mitglied des BBK, des Kunstvereins Erlangen und lange Jahre im Vorstand des Kunstforum Fränkische Seenlandschaft engagiert sie sich für die Kunstgemeinschaft, nimmt an Gruppenausstellun§en, Kunstpreisen und überregionalen Projekten teil.
Zuletztwurde sie verdientermaßen als neues Mitglied in den Künstlerbund Schwabach aufgenommen - Werke waren im Sommer 2025 in der Städtischen Galerie Schwabach zu sehen.
Liebe Margit - Dein Werk erinnert uns daran, dass Kunst kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit: Sie öffnet unsere Augen, bewegt unser Inneres und verbindet uns miteinander. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für alles, was Du uns mit Deiner Kunst gegeben hast - und noch geben wirst.
Und jetzt noch ein letztes Zitat:
Anselm Feuerbach, der bedeutendste deutsche Maler des 19. Jahrhunderts wünschte einem guten Maler vier Dinge.
Und diese vier Dinge wünsche ich Dir auch weiterhin: Ein weiches Herz, ein feines Auge, eine leichte Hand und immer frisch gewaschene Pinsel.